Kirche und KI – Kann ChatGPT Pfarrer werden?

Es ist ein Mittwochnachmittag. Nach der Arbeit sitze ich mit meinem Chef bei einem Bier. Wir reden über künstliche Intelligenz und darüber, wie sie unsere Branche – die Informatik – in den nächsten fünf bis zehn Jahren massiv verändern wird. Viele Menschen werden sich neu orientieren müssen, manche sogar völlig umschulen. Vor allem Jobs, in denen es nur um Datenverarbeitung oder Kundensupport geht, sind praktisch ersetzbar. Wer lässt in zehn Jahren noch einen Menschen Rechnungen prüfen, wenn das auch eine KI machen kann – und das mit direktem Zugriff auf alle relevanten Firmendaten?

Wir spinnen die Gedanken weiter: Was ist mit Call-Centern? Zurzeit mache ich im Rahmen meiner Lehre als IT-Systemtechniker oft First-Level-Support. Dabei benutze ich häufig auf meinem Zweitmonitor ChatGPT. Wenn ich das LLM mit relevanten Screenshots und Informationen füttere, spuckt es mir in kürzester Zeit die Lösung zu fast jedem Problem aus. Was hält uns also davon ab, einen KI-Anrufbeantworter dazwischenzuschalten, der eine Fernwartung startet, selbst alles analysiert, das Problem löst – und, falls er es nicht schafft, das Support-Ticket einfach eskaliert?

Auch Programmierer, die vor zehn Jahren noch dachten, mit ihrem Super-Know-how für immer einen lukrativen Job zu haben, werden zunehmend ersetzbar. Auf Knopfdruck kann ich mir heute von ChatGPT ein komplettes Buchhaltungssystem programmieren lassen. Wozu also teuer einen Developer anstellen, wenn ich für 20 € im Monat ChatGPT+ nutzen kann – das mir schon jetzt bei einfacheren Angelegenheiten direkt eine HTML-Datei für eine Website oder ein kleines Programm ausspuckt?

Ich überlege, ob es einen Job gibt, der nicht von KI übernommen werden kann. Ich denke mir: „Hmm, Pfarrer, Sakramentsverwaltung, Predigen, Seelsorge – da braucht man doch einen Menschen.“ – „Ja Klaus, ich glaube, Pfarrer kann man nicht ersetzen …“, sage ich mit dem Ziel, Sakramentsverwaltung anzusprechen. – „Ha, nein, das ist sogar das, was ich mir am ehesten vorstellen kann“, unterbricht er meinen Gedankenstrom und zeigt mir ein Video auf seinem Handy, welches seine Frau ihm geschickt hat, von einem Roboter, der redet und fast schon Gestik hat wie ein Mensch.

Danach schweifen wir davon ab und überlegen, wie Luxusartikel usw. auch in Zukunft gefragt sein werden. In zehn Jahren wird es sicher „KI-freie Produkte“ oder „von Menschenhand gemacht“-Gütesiegel geben, für die Leute eine Prämie zahlen, nur damit ihre Sachen von einem Menschen hergestellt wurden. Und wahrscheinlich wird es auch Regelungen und Gesetze geben wie: „Nur 10 % des Produkts darf von KI generiert worden sein, damit es noch als Menschenprodukt gilt.“

Diese Unterhaltung hat mich länger beschäftigt. Denn die Frage blieb hängen: Könnte man tatsächlich einen Pfarrer durch KI oder gar einen Roboter ersetzen? Genau darüber möchte ich in diesem Beitrag nachdenken – und warum ich glaube, dass das nicht funktioniert.

Ein Bild eines KI Gottesdienstes in der evangelischen St. Paul Kirche in Fürth
KI Gottesdienst in St. Paul in Fürth. Bildquelle: KI Gottesdienst – YouTube
Der Segensroboter "BlessU-2" in Deutschland, ein Roboter der mit einstellbarer Stimme Menschen "segnete".
Ein Segensroboter „BlessU-2“ in Deutschland. Quelle: Video

Tentakel im Talar – Gottesdienst 2.0

Was grundlegend stimmt, ist, dass KI viele Aufgaben des Pfarrers prinzipiell übernehmen kann. Eine KI kann Texte entwerfen, Formulierungen vorschlagen, Informationen zusammentragen und sogar bei der Erklärung theologischer Konzepte eine Hilfe sein. Predigten schreiben kann sie ebenfalls – und das nicht einmal schlecht. Andreas Lob-Hüdepohl, ein römisch-katholischer Theologe, sagte in einem Interview: „Also ich habe in meinem Leben schon so furchtbare Predigten gehört, von Menschen geschrieben, dass ich mir manchmal wünschte, es würden mehr solcher Vorlagen (KI) genutzt werden.“ Kurz danach betont er, dass besonders in Kirchen, in denen ein einzelner Priester Tag für Tag predigen muss, die KI diesem Priester sehr viel Rückenwind geben könnte.

Und vielleicht hat Lob-Hüdepohl da nicht ganz unrecht. Es gibt Predigten, die eine KI viel besser hinbekommen würde – klarer strukturiert, ordentlicher formuliert, ohne Ausschweifungen. Eine Maschine kann Bibeltexte durchkämmen, Kommentare zusammenfassen und daraus in Sekunden eine Rede basteln, die auf den ersten Blick durchaus brauchbar wirkt. Manche würden fragen: „Warum nicht gleich so, wenn es den Alltag erleichtert?“

Technisch gesehen könnte ein Roboter ja sogar das äußerliche Ritual einer Taufe durchführen. Ein Greifarm schnappt das Baby und taucht es dreimal ins Wasser, während eine nach Belieben einstellbare Stimme die trinitarischen Taufworte wiedergibt: „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ Ebenso könnte ein Roboterarm das Brot brechen und die Worte des Heilands zitieren: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ Und wahrscheinlich würde ein Roboter das Blut sogar weniger leicht verschütten als ein armseliger Mensch, der nur zwei Augen und zwei Hände hat. Ein Roboter mit acht Beinen und Rundumsensoren würde nicht umkippen – und mit einer präzisen Roboterhand würde der Kelch garantiert nicht herunterfallen. Man könnte fast meinen, wenn die Römer im Jahre 1415 auf dem Konzil von Konstanz so ein Apparatus gehabt hätten, hätten sie den Laienkelch erlaubt.

Wie wäre so ein Gottesdienst? Eine Maschine, die vorne steht, die Arme, oder vielleicht sogar Tentakel, hebt und ihre programmierten Sätze abspielt. Alles perfekt getaktet, kein Zögern, kein Verhaspeln. Der Gottesdienst wäre bis in das kleinste Detail planbar: Punkt 10:00 Uhr geht es los, Punkt 11:15 Uhr ist er vorbei. Die Predigt dauert genau 30 Minuten, nicht länger, nicht kürzer, damit der Rest des Ablaufs perfekt passt. Jede Bewegung, jede Pause, jede Betonung – alles bis ins Kleinste durchgeplant.

KI-Pfarrer, oder den Versuch davon, gibt es schon!

Vor einiger Zeit stolperte ich über die Geschichte von einem römisch-katholischen Chatbot mit dem schönen Namen „Father Justin“, der von der Apologetikplattform Catholic Answers erstellt wurde. Das ganze Konzept klingt im Prinzip erstmal amüsant: ein digitaler Helfer, der dir Bibelstellen erklärt, deine Fragen zum Glauben beantwortet und apologetische Argumente für deine Online-Debatten auf Knopfdruck liefert.

Anfangs trat „Father Justin“ sogar mit Avatar im Priesterkragen auf – ganz bewusst als Geistlicher inszeniert. Und natürlich wurde er nicht nur als Nachschlagewerk benutzt, sondern auch als eine Art digitaler Seelsorger. Immer verfügbar, nie müde, stets bereit, geduldig die gleichen Fragen tausendmal zu beantworten. Genau das, was man sich vielleicht wünscht, wenn der echte Pfarrer gerade keine Zeit hat.

Doch nur wenige Stunden nach seiner Veröffentlichung wurde „Father Justin“ bereits seines Amtes enthoben und laisiert. Wieso? Nun – es dauerte nicht lange, bis er Dinge von sich gab, die man einem echten Priester niemals durchgehen lassen würde. Zuerst war’s noch irgendwie lustig: In einem Notfall, meinte der Chatbot, könne man Babys auch mit Gatorade taufen – eine Art „Sportdrink-Sakrament“. Hey, warum nicht? Schließlich besteht Gatorade zu 94–96 % aus Wasser; wenn man früher in ziemlich trüben Flüssen getauft hat, warum dann nicht auch in leicht „verunreinigtem“ Gatorade? Man lacht, schüttelt den Kopf und scrollt weiter.

Doch schnell kam der Punkt, an dem es nicht mehr schmunzelig, sondern ernst wurde: Menschen begannen, dem Bot ihre Sünden zu beichten. Und was machte „Father Justin“? Er hörte zu – und er antwortete: „So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Der Bot sprach Worte, die wie die Lossprechung eines gerufenen und ordinierten Amtsträgers klangen. Worte, die weder in der römisch-katholischen noch in der evangelischen Tradition einfach so dahergeredet werden dürfen, sondern die gebunden sind an das Amt, an die Ordination, an den Ruf der Kirche – und letztlich an Christus selbst.

Ein Screenshot des KI-Pfarrers "Father Justin", eine Erfindung der Apologetikplattform Catholic Answers
Screenshot von „Father Justin“, einem KI-Chatbot der Plattform Catholic Answers, der kurz nach dem Start wieder eingestellt wurde
(OSV News/Screenshot: Catholic Answers).
Die Ordination von Pastor Dennis Mercer in der Misssoury Synode. Foto mit freundlicher Genehmigung der „Divine Shepherd Lutheran Church“

Was macht einen Pfarrer überhaupt aus?

Und genau hier – beim Amt, bei der Ordination, beim Ruf der Kirche – liegt der Grund, warum ein KI-„Pfarrer“ niemals einen Menschen ersetzen kann. In der Kirchengeschichte und selbstverständlich auch in der evangelisch-lutherischen Tradition ist das Predigtamt ein von Gott gestiftetes Amt. Das heißt: Nicht wir Menschen entscheiden, wie es aussieht oder wer es bekommt, sondern Gott selbst hat es eingesetzt und bestimmt, durch wen er wirken will.

In Gottes Wort, der Bibel, finden wir klare Anforderungen für Pfarramtskandidaten. In 1. Timotheus 3,1–7 heißt es in der Lutherbibel 2017:

„Das ist gewisslich wahr: Wenn jemand ein Bischofsamt begehrt, der begehrt eine hohe Aufgabe. Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer Frau, nüchtern, besonnen, sittsam, gastfrei, lehrfähig; kein Trinker, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig; der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat in aller Ehrbarkeit. Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen? Er soll kein Neubekehrter sein, damit er sich nicht aufblase und ins Gericht des Teufels falle. Er muss aber auch einen guten Ruf haben bei denen außerhalb der Gemeinde, damit er nicht in Verleumdung und in die Falle des Teufels gerät.“

Wie wir sehen, gibt es ganz konkrete, menschliche Anforderungen für Pfarrer. Im Titusbrief (1,6–9) wird das noch ergänzt: Er soll „über jeden Vorwurf erhaben sein, treu im Glauben, gastfreundlich, besonnen, gerecht, heilig“. All das sind zutiefst menschliche Eigenschaften, die in einem Leben sichtbar werden müssen. Kein Roboter kann „untadelig“ oder „gastfreundlich“ sein, weil er weder Herz noch Gewissen hat, kein Leben, das in Christus geprüft werden kann. Er kann solches Verhalten nur simulieren. Ein Chatbot kann weder Neubekehrter sein noch das Gegenteil davon.

Das Amt ist eben etwas anderes als ein funktionales Programm. Es bedeutet nicht einfach nur, „Aufgaben zu erledigen“, sondern es ist Berufung: ein Leben, das in den Dienst Christi gestellt wird. Gott will, dass sein Evangelium durch menschliche Stimmen erklingt, die von seiner Kirche gerufen wurden. Maschinen können vieles imitieren, aber den Ruf Christi, die Berufung durch die Gemeinde, das Wirken des Heiligen Geistes – all das können sie nicht haben.

Das Amt ist eben etwas anderes als ein funktionales Programm. Es bedeutet nicht einfach nur, „Aufgaben zu erledigen“, sondern es ist Berufung: ein Leben, das in den Dienst Christi gestellt wird. Gott will, dass sein Evangelium durch menschliche Stimmen erklingt, die von seiner Kirche gerufen wurden. Maschinen können vieles imitieren, aber den Ruf Christi, die Berufung durch die Gemeinde, das Wirken des Heiligen Geistes – all das können sie nicht haben.

Und damit sind wir am Punkt angekommen: So beeindruckend es klingt, so perfekt die Simulation auch wirken mag – ein KI-„Pfarrer“ bleibt ein Trugbild. Er kann äußere Formen nachahmen, aber das Amt nicht tragen. Denn das Predigtamt ist nicht eine menschliche Erfindung, die wir technisch nachbauen könnten, sondern ein göttliches Geschenk. Gott selbst hat es eingesetzt. Er ruft Menschen – und durch diesen Ruf wirkt er in seiner Kirche.

Darum ist es nicht bloß eine Frage der Technik, sondern eine Frage des Glaubens: Christus hat verheißen, durch Menschen zu sprechen, durch Menschen zu wirken, durch Menschen seine Sakramente auszuteilen. Maschinen können vieles nachstellen, aber sie bleiben dennoch ohne Geist, ohne Berufung, ohne Sendung.

Und genau deshalb kann ein Algorithmus niemals in den Talar treten.

Ein Wort des Dankes

Zum Schluss möchte ich ein Wort des Dankes sagen: an alle, die im Dienst der Kirche stehen. Besonders an die, die im Predigtamt von Christus durch seine Kirche berufen wurden. Ihr seid Diener am Evangelium, Haushalter der Geheimnisse Gottes, und dafür gilt euch unsere Hochachtung und unser Gebet.

Aber auch allen anderen, die Tag für Tag in der Gemeinde mitarbeiten – Frauen und Männer, die singen, unterrichten, leiten, begleiten, trösten, organisieren – sei Dank gesagt. Ihr tragt dazu bei, dass die Kirche lebendig bleibt und Gottes Wort in der Welt gehört wird.

Quellen Künstliche Intelligenz für Pfarrer, Priester und Gläubige
Der digitale Seelsorger: Ersetzt KI bald auch den Pfarrer? | Telepolis

Divine Shepherd Lutheran Church and School – LCMS » Pastor Dennis Mercer Ordination Photos

Your Robot Pastor Is Here | Robot Pastor

https://www.catholic.com/tract/artificial-intelligence-justin-catholic-answers-ai-app

https://www.catholic.com/ai https://www.ncronline.org/opinion/guest-voices/rise-and-fall-father-justin-highlights-catholic-sexism

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